Scheißegaltropfen. Um die ging es in Mario Barths Show am Samstag Abend. Nicht, dass ich ein großer Mario Barth Fan bin, Familie Laufsau hat ja keine Glotze, und Herrn Barths Witze über seine blonde Freundin nutzen sich auch schnell ab, und dann macht er jetzt auch noch Werbung für Media Markt. Mediale Omnipräsenz nennt man so etwas.

Familie Laufsau jedenfalls besucht am Wochenende Freunde in Frankfurt und man guckt eben auch Unterschichtenfernsehen und da gibt Mario Barth eine - zugegebenermaßen - sehr witzige Geschichte zum Besten, wie er an den Stimmbändern operiert wurde. Wie sie ihm Beruhigungstropfen gaben und wie Schwester Hildegard ihm sechs Mal versuchte, einen Venenzugang zu legen und es war ihm einfach alles - scheißegal.

Und ich glaube nun, jemand hat mir heimlich solche Scheißegaltropfen ins Essen gemischt. Warum? Na, ich gucke aus dem Fenster: es schifft. Neinein, es regnet nicht. Es SCHIFFT! Draußen herrscht so ein richtiges November-Schiff-Wetter, kalt, naß, bäh. Ich sehe durch die Glasscheibe raus und frage mich: Muss ich heute wirklich laufen gehen? Die Antwort ist einfach: Ist mir scheißegal. Gehe ich halt morgen. Morgen sehe ich sicher wieder aus dem Fenster. Es schifft immer noch. Oder schon wieder, weiß ich das? Ich frage mich erneut: Muss ich wirklich in den Lauftreff? Scheißegal, antworte ich mir. Sollen die sich doch nass machen, wenn sie's brauchen. Ich brauch's nicht ... Gehe ich halt schwimmen. Oder in's Kino. November ist eh der klassische Kinomonat. Bis nächstes Jahr ist doch noch viel Zeit. Naja, so viel auch nicht. Eigentlich sind es überhaupt nur noch sechs Wochen bis ins nächste Jahr. Aber egal. Scheißegal. Ich laufe nur noch, wenn das Wetter schön ist, wenn die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Aber die Biester sind doch schon längst alle in Goa am Strand. "Da war ich auch noch nie", sage ich zur Gattin. "Dafür haben wir eh kein Geld", erwidert sie. "Die nächsten zehn Jahre reicht's nur noch für die Ostsee - campen".

Ja und dann stelle ich mir vor, wie es eigentlich wäre, wenn ich GAR NICHT MEHR LAUFEN würde. So wie die anderen 40 Millionen Deutschen, die nicht laufen, nie gelaufen sind, und es auch niemals vorhaben zu tun. Die haben's eigentlich ziemlich gut. Können essen und trinken, was sie wollen. Müssen Sonntags nie um sechs Uhr morgens ein Honigbrötchen reinwürgen, um dann 21 Kilometer durch den Regen zu laufen und anschließend zwei Wochen mit Grippe im Bett zu liegen. Müssen sich nicht von Sportverkäufern demütigen lassen, weil sie nicht wissen, was QUICKSTRIKE, SPACE-TRUSSTIC und CUSHLON ist. Müssen nicht 18 Runden im Stadion laufen, um erfolglos ihre Pulsuhr zu kalibrieren, nur um gesagt zu bekommen, dass da ein Fehler in der Bedienungsanleitung sei. Müssen sich nicht über die Kinder ärgern, die die nigel-nagel-neuen Asics im Werk-Keller in die Schraubzwinge gequetscht haben, nur um herauszufinden, wie klein so ein Schuh eigentlich werden kann.

Das Bürotelefon reißt mich aus meinem Traum. Verdammt, ich muss wohl eingepennt sein. Ob ich heute mit ihnen Mittag esse, oder bei dem Wetter wirklich laufen will, fragt die Gattin. Ich sehe aus dem Fenster. Es schifft. Mir doch egal. Gehe ich halt nicht laufen. Gehe ich halt morgen.
Mittags sehe ich aus dem Fenster. Es schifft immer noch. Ich bin zappelig. Saß den ganzen Morgen vor dem Computer. Ich müsste mal raus. Nur ganz kurz. Eine klitzekleine Runde, komm Laufsau. Wird dir sicher gut tun! Es klingelt. Die Gattin fragt, was denn nun sei, Mittagessen oder nicht? Fangt ruhig schon an, entgegne ich. Ich geh vielleicht laufen.

Eben doch nicht ganz scheißegal.

Gruß von der Laufsau